Rotes Waldvögelein
Das Rote Waldvögelein (Cephalanthera rubra (L.) L. C. M. RICHARD) ist von den Arbeitskreisen Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland am 24. Oktober 1999 in Eisenach zur "Orchidee des Jahres 2000" proklamiert worden.
Durch diese Wahl und Proklamation wird alljährlich eine der in Deutschland heimischen Orchideen-Arten vorgestellt, mit dem Ziel eine breite Öffentlichkeit auf diese Pflanzenfamilie aufmerksam zu machen. Desweiteren soll eine Sensibilisierung für den Schutz und die Erhaltung gefährdeter Lebensräume, in denen u.a. die einheimischen Orchideen wachsen und gedeihen, erreicht werden. Die "Orchidee des Jahres 2000", Cephalanthera rubra, steht für heimische, naturnahe Waldgesellschaften.
Das Rote Waldvögelein ist wohl mit
dem Frauenschuh (Cypripedium calceolus,
Orchidee des Jahres 1996) die attraktivste unserer in Deutschland
vorkommenden Wald-Orchideen.
In manchen Gegenden wird sie "Rote Waldlilie" genannt
oder auch "Roter Kopfbeutel" - eine Bezeichnung, die
sich aus dem botanischen Namen erklärt: Dieser besteht aus
dem Artnamen Cephalanthera, der sich aus den griechischen Wörtern
"kephale" (Kopf) und "anthera" (Staubbeutel)
zusammensetzt. Der Artname rubra ist dem Lateinischen entnommen
und bedeutet: rot.
Wenn sich eine der bis zu 5 cm große Blüten voll entfaltet,
erinnert sie mit ihren ausgebreiteten, seitlichen Kelchblättern
und der vorgestreckten, spitzen Lippe an ein kleines, rotes Vögelchen
- daher der am meisten gebrauchte deutsche Name "Waldvögelein".
Die Pflanze wird zwischen 20 cm und 60 cm groß und hat etwa
4 bis 8 schmale Laubblätter. Der locker besetzte Blütenstand
nimmt etwa ein Drittel bis die Hälfte der Gesamtpflanze ein.
Er trägt - je nach Größe der Pflanze - 1 bis 12
Blüten. Die Färbung dieser recht großen Blüten
reicht von einem blassen Rosa bis zu einem intensiven Rot-Lila.
Die beiden Blütenblätter und das mittlere Kelchblatt
sind über dem Säulchen zusammen geneigt und mit den
Spitzen zurückgeschlagen während die rot umrandete,
weißlich-gelbe Lippe die Insekten zu einem Besuch einlädt.
Das Rote Waldvögelein wächst
in trockenen bis frischen Laub- und Mischwäldern, an Waldsäumen,
Waldwege-Böschungen und auf Waldwiesen. Sie gedeiht auf stickstoffarmen
bis mäßig stickstoffreichen Böden, meist über
Kalk. Sie ist in Deutschland im nordöstlichen Tiefland, in
den Mittelgebirgen sowie im Alpengebiet und darüber hinaus
in weiten Teilen Europas beheimatet. Sie blüht zwischen Juni
und August.
Die Bestände des Roten Waldvögeleins in Deutschland
zeigen im Nordostdeutschen Tiefland, in einigen Mittelgebirgsregionen
und im Alpenvorland in den letzten 100 Jahren überdurchschnittliche
Rückgangstendenzen. Ein entscheidender Faktor dafür
ist - neben der Vernichtung - die Nutzungsänderung der Lebensräume
dieser attraktiven Pflanze. Flurbereinigung und Beseitigung bzw.
Dezimierung von Waldmänteln durch die angrenzenden Nutzungsmethoden
schlagen sich in allen oben erwähnten Regionen nieder. Die
Aufforstung zu monokulturellen Nadelholzplantagen, die intensive
Forstwirtschaft (Einsatz von Großmaschinen) sowie die direkten
und indirekten Folgen (Düngereintrag durch Futterverschleppung,
Verbiß und "Überweidung") eines unverantwortlich
hohen Wildbesatzes mancher Reviere haben ihren Anteil zum Rückgang
dieser Waldorchidee beigetragen.
Es sind aber auch durchaus positive Aspekte zu verzeichnen: Verantwortungsvolle
Revierinhaber arbeiten mit Forstbetriebsgemeinschaften, Jagdgenossenschaften,
Biol. Stationen, Behörden und Naturschutzverbänden zum
Wohle eines naturnahen und artenreichen Waldes zusammen. Viele
gerodete Waldflächen werden mit Mischpopulationen aufgeforstet
und eine "sanfte" Waldwirtschaft betrieben. Wald- und
Ackerränder erfahren eine Renaissance mit der Erkenntnis
ihrer ökologischen Bedeutung. Wissenschaftliche Programme
und politische Initiativen fördern den Schutz und die Erhaltung
naturnaher Wälder und helfen bei der Regeneration bedrohter
Biotope.
Durch eine weitreichende Öffentlichkeitsarbeit mit umfassenden
und allgemein verständlichen Erklärungen des Lebensraumes
"Wald" lassen sich viele Zusammenhänge verdeutlichen,
warum z.B. Orchideen wie das Rote Waldvögelein ein Anzeiger
für einen gesunden, naturnahen Wald sind. Auch wenn Cephalanthera
rubra durch die Wahl zur "Orchidee des Jahres" besonders
herausgehoben wird, bleibt als Schlußfolgerung nur eines:
Schutz einzelner Arten oder gar einzelner Individuen ist praktisch
nicht möglich - es ist immer ein umfassender Biotopschutz
erforderlich.
Für die Arbeitskreise Heimische
Orchideen (AHO) in Deutschland
Heinz BAUM (©, AHO-NRW)