Herbst-Wendelorchis, Herbst-Drehähre, Schraubenstendel
Seit dem Jahre 1989 stellen die "Arbeitskreise
Heimische Orchideen" (AHO) Deutschlands der Öffentlichkeit
eine "Orchidee des Jahres" vor. Sie lassen sich dabei
von dem Wunsch leiten, mit der Darstellung von Aussehen und Lebensweise
heimischer Orchideenarten und deren Gefährdung aus der Sicht
der AHO einen Beitrag zu den Problemen des Florenschutzes leisten
zu wollen und die Bürger unseres Landes zu eigenen Aktivitäten
anzuregen.
Orchideen gelten allgemein als auffällige und attraktive
Pflanzen. Dies trifft auf die für das Jahr 2001 auserwählte
heimische Art nicht zu. Die Herbst-Drehähre ist eine kleinwüchsige,
unscheinbare Pflanze; nur bei genauer Betrachtung der Einzelheiten
der Blüten ist ihre Zugehörigkeit zur Familie der Orchideen
zu erkennen. Die Einzelpflanze erreicht meist nur eine Höhe
von 10-15 cm und bleibt häufig unter diesem Maß. Der
Blütenstand erscheint im Spätsommer etwa ab Mitte August,
gebietsweise erscheinen erste Blüten bereits Ende Juli. Die
Blütezeit erstreckt sich bis zum Oktoberbeginn. Die innen
weißen, außen oft grünlich schimmernden kleinen
Blüten stehen in dichter Ähre um den drüsig behaarten
und in der Regel spiralig gedrehten Stengel, was der Pflanze sowohl
ihre deutschen Namen als auch ihre wissenschaftliche Bezeichnung
verlieh (griechisch : speira = Windung, anthos = Blüte).
Zuweilen kann die Drehung der Ähre auch ausbleiben, der Blütenstand
erscheint dann einseitswendig. Die Einzelblüten sind kaum
größer als 7-8 mm. Deckblätter, Fruchtknoten sowie
das Perigon sind ebenfalls drüsig behaart und bieten den
bestäubenden Bienen- und Hummelarten einen sicheren Halt
an den nach Vanille oder Cumarin duftenden Blüten. Der Befruchtungsvorgang
verläuft bei der Herbst-Drehähre in eigener, quasi zweiphasiger
Weise. Der Bereits von DARWIN untersuchte, äußerst
sinnvoll erscheinende Vorgang besteht darin, daß beim Eindringen
eines Insekts in die Blüte sich ähnlich wie bei anderen
Orchideenarten auch zunächst die Klebscheiben der in den
Antherenfächern ruhenden Pollenpakete lösen und am Insekt
haften. Durch einen besonderen Bau des die Narbe und die Anthere
tragenden Säulchens wird aber vorerst ein weiteres Eindringen
in die Blüte verhindert. Erst nach einigen Tagen ist die
Narbe für die Befruchtung reif. Das Säulchen gibt den
Weg in das Blüteninnere frei, ein pollentragendes Insekt
kann die Befruchtung vollziehen. Auf diese Weise ist eine Selbstbefruchtung
innerhalb der Art ausgeschlossen. Die Samenreife erfolgt rasch.
Die staubfeinen Samen werden durch die spätherbstlichen Niederschläge
in den Boden eingewaschen, wo sie bis zur blühfähigen
Pflanze eine langjährige, von einem Symbiosepilz abhängige
Entwicklungszeit durchlaufen, deren Stadien bereits vor 150 Jahren
von IRMISCH überzeugend dargestellt wurden.
Etwa zur gleichen Zeit mit dem Blütenstand erscheint seitlich
der Stengelbasis eine kleine Blattrosette, die über Winter
bis zum Frühsommer Nährstoffe in eine rübenförmige
Knolle für die nächste Blüte einlagert, um bereits
vor Austrieb der Jahresblüte zu vergehen. Die Drehähre
kann sich unter günstigen Wachstumsbedingungen auch vegetativ
durch Ausbildung mehrerer Wurzelrüben vermehren, weshalb
die Pflanze auf individuenreichen Standorten gesellig in Gruppen
wachsend angetroffen wird.
Mit einem dem jährlichen mediterranen Witterungsverlauf angeglichenen
Vegetationsrhythmus kann sich die Art hervorragend in extensiv
beweidete Standorte einfügen. Sie gedeiht daher vorwiegend
auf halb- oder wechseltrockenen Schaftriften und Magerrasen, seltener
auf schwachwüchsigen, feuchten Mähwiesen. Die Bodenansprüche
sind weniger spezialisiert. Lehmige und lehmig-sandige Böden
scheinen bevorzugt zu sein, aber auch torfige Böden werden
gebietsweise angenommen, sofern sie wie die mineralischen mäßig
sauer bis neutral reagieren. Allgemein gilt die Art als kalkmeidend
und salzunverträglich, scheint aber auf schwach verteilten
Schafdung positiv zu reagieren.
Ihre klimatischen Ansprüche entsprechen der temperaten Zone
mit ozeanischem Einschlag. Offensichtlich verträgt sie keine
trocken-kalte, kontinentale Winter. Die Herbst-Drehähre ist,
entsprechende Wuchsplätze vorausgesetzt, vom Mittelmeerraum
ausgehend nahezu in ganz Europa heimisch, spart jedoch die nördlichen
und kontinental beeinflußten Gebiete sowie höhere Berglagen
etwa ab 800 m Höhe aus. Zugleich findet man sie noch in den
Randlagen Nordafrikas sowie im westlichen Kleinasien.
In Deutschland war sie vor allem in den südlichen und mittleren
Landesteilen häufig, im nördlichen Tiefland dagegen
stets selten und in den Küstengebieten nie nachgewiesen.
Das zierliche Pflänzchen hat mit dem wirtschaftsbedingt starken
Rückgang der Schafhaltung bereits im 19. Jahrhundert enorme
Standortverluste erlitten, die sich mit zunehmender Intensivierung
der Landnutzung im 20. Jahrhundert fortsetzten. Die betreffenden
Flächen wurden einer Nutzungsänderung unterzogen. Bodenmäßig
bessere Standorte hat man in Intensivweiden oder gar Ackerland
gewandelt, weniger etragversprechende Flächen wurden aufgeforstet
oder zumindest aufgelassen, wodurch der konkurrenzschwachen Art
in kürzester Zeit Licht, Nahrung und Standraum entzogen wurde.
Gemessen an den Meßtischblättern Deutschlands, auf
denen sie nachgewiesen werden konnte, sind drei Viertel der Vorkommen
erloschen; vom ehemaligen Pflanzenbestand dürften jedoch
nicht mehr als etwa 5% existent sein. Für Deutschland ist
die Art daher als stark gefährdet eingestuft. In sechs Bundesländern
sind die Bestände erloschen, in vier weiteren gilt die Herbst-Drehähre
als "vom Aussterben bedroht", in drei Bundesländern
ist sie "stark gefährdet" und nur in Bayern ist
sie als "gefährdet" geführt.
Es ist deshalb dringend geboten, die wenigen Wuchsplätze,
auf denen die kleine Orchidee derzeit noch beobachtet werden kann,
vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Als solche sind
Änderungen der Nutzungsart oder zeit, Düngung, meliorative
Eingriffe am Standort oder seiner unmittelbaren Nähe als
auch ein Ausbleiben der bisherigen Nutzung (Auflassung) voranzustellen.
Alle Standorteingriffe, ob landwirtschaftliche Nutzung oder zu
planende Pflegemaßnahmen haben sich daran zu orientieren,
den Pflanzen während ihrer Vegetationszeit ein Optimum an
Licht, Wärme und Bodenreaktion zu gewährleisten. Dem
kommt man mittels Aufwuchs-abhängiger Schafbeweidung ab Spätherbst
bis zum Frühsommer, auf mageren Mähwiesen unter Beibehaltung
der historisch überlieferten Mahdzeiten, eventl. kombiniert
mit einer Nachbeweidung im Spätherbst am nächsten, um
die Vorkommen auf Dauer zu erhalten.
Von den Orchideen ist bekannt, daß, sofern verschiedene
Arten auf einem Standort vereint sind, diese gelegentlich untereinander
bastardieren. Von der Herbst-Drehähre sind Kreuzungen mit
ihrer nahen Verwandten, der Sommer-Drehähre Spiranthes aestivalis
(POIRET) L. C. RICHARD bekannt. Dieser Bastard wurde jedoch bisher
in Deutschland nicht nachgewiesen.
Für die Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland
G. HAMEL, AHO Brandenburg