Fliegen-Ragwurz
Seit Die Fliegen-Ragwurz ist eine besonders raffinierte Pflanze,
die zur Familie der Orchideen gehört. Die eher unscheinbare
braun-grüne Pflanze mit ihrem meist blauen Mal auf der Lippe
versteht es männliche Hautflügler (Hymenoptera) speziell die der Familie der Grabwespen (Sphecidae) arglistig
zu täuschen. Dazu hat sie einige Strategien entwickelt, mit
dem Ziel selbst bestäubt zu werden. Die Fliegen-Ragwurz ist
eine eher schlanke Orchidee mit vielen kleineren (bis zu zwanzig)
Einzelblüten an einem bis zu 50 Zentimeter hohen gelblich-grünen
Stängel. Die Blüten zeigen den typischen Blütenaufbau
der Orchideen, die Einzelblüte besteht aus sechs Blütenblättern.
Auf den ersten Blick fällt ein Blütenblatt besonders
auf: die längsgezogene braune sogenannte Blütenlippe
mit ihrem blauen Mal und ihrer pelzigen Oberfläche. Die restlichen
fünf kleineren Blütenblätter sind darüber
so angeordnet, dass die Gesamtblüte auf den ersten Blick
wie ein Insekt mit Fühlern aussieht. Die zwei dünnen
braunen "Fühler" werden Petalen genannt und gehören
wie die Lippe zum inneren Kreis der Blütenblätter. Zum
äußeren Kreis der Blütenblätter gehören
die drei grünen Sepalblätter. Das Gesamtbild erweckt
den Eindruck, ein Insekt würde mit dem Kopf in eine grüne
Pflanze eintauchen.
Die Blüte ahmt nicht nur ein weibliches Insekt mit ihrem
Aussehen nach, sie fühlt sich dank ihrer pelzigen Oberfläche
auch so an. Um aber das Ziel der Täuschungsaktion, die eigene
Bestäubung, auch sicher zu erreichen, verströmt die
Blüte den Sexualduftstoff (Pheromon) eines paarungsbereiten
Insektenweibchens. Diese Orchidee "verführt" die
Grabwespenmännchen zur Pseudokopulation.
Somit wird der enge Zusammenhang zwischen Pflanze und Tier deutlich
und die Fliegen-Ragwurz kann nur überleben, wo auch ihre
Bestäuber vorkommen. Daher gilt es für die Arbeitskreise
Heimische Orchideen nicht nur diese Pflanze zu schützen,
sondern auch ihren gesamten Lebensraum zu bewahren. Um auf die
Problematik der Veränderung von Lebensräumen mit ihren
Folgen für einzelne Individuen aufmerksam zu machen, wird
jährlich eine Orchidee zur "Orchidee des Jahres"
gewählt. Für das Jahr 2003 steht nun die Fliegen-Ragwurz
Pate und es lohnt, sich etwas näher mit dieser interessanten
Pflanze und ihren Lebensräumen zu beschäftigen.
Zumeist gedeiht die Fliegen-Ragwurz auf Kalk-Magerrasen. Die Böden
zeigen ein basisches Milieu und müssen stickstoffarm sein.
Landwirtschaftlich extrem genutzte, gedüngte oder stark beweidete
Flächen können ebenso wenig eine Lebensgrundlage für
diese Orchidee sein, wie eine Wiesenfläche, die nicht mehr
oder nur unregelmäßig beweidet wird und sich daher
eine Buschvegetation ausbreiten kann. Die Fliegen-Ragwurz gehört
zu den Lichtpflanzen, die aber etwas Schatten verträgt. Wichtig
ist auch, dass die Durchschnittstemperaturen auf der Fläche
im Jahresmittel wenigstens 6 °C betragen. Solche Lebensräume
finden sich im gesamten mitteleuropäischen Raum, dennoch
ist die Fliegen-Ragwurz in der Roten Liste Deutschland mit der
Einstufung "gefährdet" zu finden.
Dazu gibt es zwei Gründe: Einerseits werden viele Lebensräume
der Fliegen-Ragwurz durch zunehmende Bebauung für immer vernichtet.
Schwerwiegender ist anderseits, dass die wärmeliebenden Kalkmagerrasen
brachfallen. Sie sind in aller Regel für die Landwirtschaft
von eher geringerer Bedeutung, lassen sich nicht wirtschaftlich
bearbeiten und werden daher in heutiger Zeit vernachlässigt.
Von Zeit zu Zeit müssen die Flächen, am besten von Schafen,
beweidet werden. Einer Verbuschung wird so wirksam begegnet. Doch
der Rückgang der Schafhaltung hat zur Folge, dass diese schonende
Beweidung nicht in ausreichendem Maße durchgeführt
werden kann. Eine Veränderung in der Nutzung dieser Flächen,
sei es durch eine andere oft intensivere Beweidung oder das Brachfallen
der Fläche, und die dadurch aufkommende Verbuschung zerstört
zwangläufig auch den Lebensraum der Fliegen-Ragwurz.
Darum soll die Wahl der Fliegen-Ragwurz zur Orchidee des Jahres
2003 auch ein Aufruf an alle Verantwortlichen sein, Flächen
wie die Kalkmagerrasen zu erhalten, zu schützen und wenn
möglich, in ihren "ursprünglichen" Zustand
durch gezielte Entbuschungsmaßnahmen, Mahd oder Beweidung
zurückzuführen. Die EU hat mit ihrer Richtlinie 92/43
die Schutzwürdigkeit der Kalkmagerrasen mit orchideenreichen
Beständen erkannt und die Schutzgebietsausweisung dieser
Lebensräume als prioritär eingestuft.
Für die Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland
Manfred u. Jutta HAAS, AHO Hessen