Orchidee des Jahres 2003

Ophrys insectifera L.

Fliegen-Ragwurz


Seit Die Fliegen-Ragwurz ist eine besonders raffinierte Pflanze, die zur Familie der Orchideen gehört. Die eher unscheinbare braun-grüne Pflanze mit ihrem meist blauen Mal auf der Lippe versteht es männliche Hautflügler (
Hymenoptera) speziell die der Familie der Grabwespen (Sphecidae) arglistig zu täuschen. Dazu hat sie einige Strategien entwickelt, mit dem Ziel selbst bestäubt zu werden. Die Fliegen-Ragwurz ist eine eher schlanke Orchidee mit vielen kleineren (bis zu zwanzig) Einzelblüten an einem bis zu 50 Zentimeter hohen gelblich-grünen Stängel. Die Blüten zeigen den typischen Blütenaufbau der Orchideen, die Einzelblüte besteht aus sechs Blütenblättern. Auf den ersten Blick fällt ein Blütenblatt besonders auf: die längsgezogene braune sogenannte Blütenlippe mit ihrem blauen Mal und ihrer pelzigen Oberfläche. Die restlichen fünf kleineren Blütenblätter sind darüber so angeordnet, dass die Gesamtblüte auf den ersten Blick wie ein Insekt mit Fühlern aussieht. Die zwei dünnen braunen "Fühler" werden Petalen genannt und gehören wie die Lippe zum inneren Kreis der Blütenblätter. Zum äußeren Kreis der Blütenblätter gehören die drei grünen Sepalblätter. Das Gesamtbild erweckt den Eindruck, ein Insekt würde mit dem Kopf in eine grüne Pflanze eintauchen.
Die Blüte ahmt nicht nur ein weibliches Insekt mit ihrem Aussehen nach, sie fühlt sich dank ihrer pelzigen Oberfläche auch so an. Um aber das Ziel der Täuschungsaktion, die eigene Bestäubung, auch sicher zu erreichen, verströmt die Blüte den Sexualduftstoff (Pheromon) eines paarungsbereiten Insektenweibchens. Diese Orchidee "verführt" die Grabwespenmännchen zur Pseudokopulation.
Somit wird der enge Zusammenhang zwischen Pflanze und Tier deutlich und die Fliegen-Ragwurz kann nur überleben, wo auch ihre Bestäuber vorkommen. Daher gilt es für die Arbeitskreise Heimische Orchideen nicht nur diese Pflanze zu schützen, sondern auch ihren gesamten Lebensraum zu bewahren. Um auf die Problematik der Veränderung von Lebensräumen mit ihren Folgen für einzelne Individuen aufmerksam zu machen, wird jährlich eine Orchidee zur "Orchidee des Jahres" gewählt. Für das Jahr 2003 steht nun die Fliegen-Ragwurz Pate und es lohnt, sich etwas näher mit dieser interessanten Pflanze und ihren Lebensräumen zu beschäftigen.
Zumeist gedeiht die Fliegen-Ragwurz auf Kalk-Magerrasen. Die Böden zeigen ein basisches Milieu und müssen stickstoffarm sein. Landwirtschaftlich extrem genutzte, gedüngte oder stark beweidete Flächen können ebenso wenig eine Lebensgrundlage für diese Orchidee sein, wie eine Wiesenfläche, die nicht mehr oder nur unregelmäßig beweidet wird und sich daher eine Buschvegetation ausbreiten kann. Die Fliegen-Ragwurz gehört zu den Lichtpflanzen, die aber etwas Schatten verträgt. Wichtig ist auch, dass die Durchschnittstemperaturen auf der Fläche im Jahresmittel wenigstens 6 °C betragen. Solche Lebensräume finden sich im gesamten mitteleuropäischen Raum, dennoch ist die Fliegen-Ragwurz in der Roten Liste Deutschland mit der Einstufung "gefährdet" zu finden.
Dazu gibt es zwei Gründe: Einerseits werden viele Lebensräume der Fliegen-Ragwurz durch zunehmende Bebauung für immer vernichtet. Schwerwiegender ist anderseits, dass die wärmeliebenden Kalkmagerrasen brachfallen. Sie sind in aller Regel für die Landwirtschaft von eher geringerer Bedeutung, lassen sich nicht wirtschaftlich bearbeiten und werden daher in heutiger Zeit vernachlässigt.
Von Zeit zu Zeit müssen die Flächen, am besten von Schafen, beweidet werden. Einer Verbuschung wird so wirksam begegnet. Doch der Rückgang der Schafhaltung hat zur Folge, dass diese schonende Beweidung nicht in ausreichendem Maße durchgeführt werden kann. Eine Veränderung in der Nutzung dieser Flächen, sei es durch eine andere oft intensivere Beweidung oder das Brachfallen der Fläche, und die dadurch aufkommende Verbuschung zerstört zwangläufig auch den Lebensraum der Fliegen-Ragwurz.
Darum soll die Wahl der Fliegen-Ragwurz zur Orchidee des Jahres 2003 auch ein Aufruf an alle Verantwortlichen sein, Flächen wie die Kalkmagerrasen zu erhalten, zu schützen und wenn möglich, in ihren "ursprünglichen" Zustand durch gezielte Entbuschungsmaßnahmen, Mahd oder Beweidung zurückzuführen. Die EU hat mit ihrer Richtlinie 92/43 die Schutzwürdigkeit der Kalkmagerrasen mit orchideenreichen Beständen erkannt und die Schutzgebietsausweisung dieser Lebensräume als prioritär eingestuft.


Für die Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland


Manfred u. Jutta HAAS, AHO Hessen