Grüne Hohlzunge
Die Grüne Hohlzunge zählt neben der Weißzunge
(Pseudorchis albida) und der Holunder-Kuckucksblume (Dactylorhiza sambucina)
zu den typischen Bergwiesenorchideen. Der derzeitige Verbreitungsschwerpunkt
in Deutschland liegt in den Alpen. Dort ist die Pflanze auf mäßig
feuchten, nährstoffarmen, oft aber kalkreichen Böden
bis in eine Höhe von 2.900 m zu finden. Aber auch die Mittelgebirge
(Eifel, Fichtelgebirge, Schwarzwald, Schwäbische Alb, Thüringer
Wald) bieten der Hohlzunge einen Lebensraum, sofern eine extensive
Wiesennutzung erfolgt, welche die Biotopstrukturen kurzrasig und
lückig hält. Der mit der Aufgabe der traditionellen
Nutzung einhergehende Verlust dieser Pflanzenart hat besonders
hier dramatische Ausmaße angenommen. Dabei spielen auch
weitere Einflussfaktoren (Nährstoffeintrag, Klimawandel etc.)
eine Rolle.
Die Grüne Hohlzunge ist ein besonders sensibler Vertreter
der gefährdeten Bergwiesenflora. Mit der Orchidee des Jahres
2004 soll vornehmlich auf die Problematik der Erhaltung und Pflege
der Bergwiesen aufmerksam gemacht werden.
Die Verbreitungskarte zeigt jedoch, dass die Grüne Hohlzunge
auch im Hügel- und Flachland ab 100 m NN vorkommen kann.
Diese vereinzelten Vorkommen, meist auf Kalkmagerrasen, aber auch
in lichten Wäldern, sind vom Rückgang der konkurrenzschwachen
Art besonders betroffen, so dass die Hohlzunge in Niedersachsen
bereits ausgestorben ist, sowie in Hessen, Nordrhein-Westfalen,
Rheinland-Pfalz und dem Saarland als stark gefährdet eingestuft
wird. In Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
ist sie vom Aussterben bedroht. Allein für Bayern gilt der
Status gefährdet. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern
kam Coeloglossum nie vor, dagegen wurde sie in Brandenburg an
einem Fundort mit wenigen Exemplaren bekannt.
Die Grüne Hohlzunge ist auf Grund ihrer Größe
und meist grünlichen Farbe recht unauffällig. Die Pflanzen
besitzen handförmig geteilte Knollen. Der stumpfkantige,
kahle Stängel ist hellgelbgrün. Die 3-7 unteren stängelumfassenden
Laubblätter sind eiförmig, die oberen mehr lanzettlich.
Der Blütenstand kann ebenso arm- wie reichblütig sein,
bis zu 30 Blüten sind möglich. Diese stehen mit ihren
gedrehten Fruchtknoten in der Achsel lanzettlicher grüner
Tragblätter, sind klein, grünlichgelb bis grün
und manchmal rötlich überlaufen Die 5 Perigonblätter
- jeweils nur wenige Millimeter groß - neigen so zueinander,
dass sie die Form eines halbkugeligen Helms annehmen. Eine dicke,
dreilappige, maximal 10 mm lange Lippe hängt zungenförmig
herab (Name!). Nur 2 bis 3 mm misst der sackförmige Sporn.
Durch die am Lippengrund ausgebildeten Drüsen entströmt
der Blüte ein schwach honigartiger Duft (Nektarblume!), der
die Bestäuber (Käfer, Bienen, Wespen) anlockt. Die Pflanzen
bleiben meist klein, können jedoch auch Wuchshöhen bis
30 cm erreichen. An zusagenden Wuchsorten treten sie einzeln oder
in kleinen Gruppen auf. Die Blütezeit erstreckt sich in Abhängigkeit
von Höhenlage, Standort und geländeklimatischen Einflüssen
von Anfang/Mitte Mai bis Ende Juni oder Anfang Juli. An Waldstandorten
über Muschelkalk (etwa 400 m NN) können noch Ende Juli
blühende Pflanzen aufgefunden werden. Meist ist der Fruchtansatz
hoch.
Die Gattung Hohlzunge (Coeloglossum) - nahe verwandt mit den Kuckucksblumen (Dactylorhiza)
- kommt zirkumpolar im eurosibirischen und nordamerikanischen
Raum vor. In Europa ist sie nur mit einer Art vertreten.
Das Areal erstreckt sich dabei über weite Teile Nord-, Mittel-
und Südeuropas, die Alpen- und Karpatenländer werden
besiedelt, auch Türkei, Krim und Kaukasus werden erreicht.
Will man diese interessante Orchideenart in Deutschland erhalten,
sind in erster Linie ihre Lebensräume zu sichern. Dazu bedarf
es der Wiesenpflege durch regelmäßige Mahd und/oder
extensive Beweidung. Auf Intensivweide und Düngung reagiert
die Hohlzunge negativ. Nach längerer Brache sollte vorsichtig
entbuscht und ausgeharkt werden. Einer weiteren Versauerung des
Bodens ist durch entsprechende Minalienzufuhr (Thomasmehl, Holzasche)
vorzubeugen. Es versteht sich von selbst, dass Aufforstung oder
Überbauung die für die Hohlzunge geeigneten Biotope
zerstören.
Für die Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland
Wolfgang HEINRICH u. Volker KÖGLER, AHO Thüringen