Breitblättrige Stendelwurz
Mit der Wahl zur Orchidee des Jahres 2006
machen die Arbeitskreise Heimische Orchideen in Deutschland (AHO) auf
eine Pflanze aufmerksam, die zwar noch in den meisten Bundesländern
gut vertreten ist, aber in unserer Kulturlandschaft immer stärker
werdende Beeinträchtigungen erfährt. Die Breitblättrige
Stendelwurz ist verbreitet von den Dünenlandschaften der Nord-
und Ostsee bis zu den Alpen und besiedelt mäßig saure bis
kalkhaltige, nährstoffreiche humose Mullböden, wächst
auf trockenem bis leicht feuchtem Untergrund und ist an sonnigen bis
schattigen Standorten anzutreffen. Die Unterschiedlichkeit der
Lebensräume spiegelt sich in der Ausprägung der Pflanzen
wieder: Sie ist eine überaus variable Art, die vom
Erscheinungsbild her große Unterschiede zeigt. Neben den
kräftigen, breitblättrigen und dunkelgrünen, bis 90 cm
hohen Pflanzen in Wäldern, auf Waldlichtungen und an
Waldwegrändern gibt es wärmeliebende Sippen, die lichte
Wälder und trockenere Lagen wie Waldränder und angrenzende
Trockenrasen bevorzugen. Ihr Wuchs ist meist gedrungener und die
Pflanzen fallen durch ihre mehr länglich-elliptischen und
zumeist hellgrünen Blätter auf. An schattigen Standorten
sind sterile Sprosse häufig. Die Blütezeit liegt von Juli
bis August. Die Blütenfarbe variiert von blaßgrün bis
rotviolett und das Innere des Hypochil-Schüsselchens präsentiert
sich olivfarben bis schokoladenbraun. Der Lippenvorderlappen
(Epichil), meist hellrosa bis rot, ist oft nach hinten geschlagen und
trägt im breiteren Teil typische Querwülste. Die Blüten
werden von Wespenarten bestäubt, aber es wird auch
Selbstbestäubung beobachtet. Hybriden sind bekannt, am
häufigsten mit der Braunroten Stendelwurz (E.
atrorubens), Müllers
Stendelwurz (E. muelleri),
mit der Violettroten Stendelwurz (E.
purpurata) und der Schmallippigen
Stendelwurz (E. leptochila).
Der Variationsreichtum der Art wird durch Unterarten wie der
Niederländischen (subsp. neerlandica)
oder der Kurzblättrigen Stendelwurz (subsp. orbicularis)
belegt. Offenbar ist eine genetische Aufspaltung im Gange, die zu
fast fließenden Übergängen zu anderen
Stendelwurz-Arten führt.
Die Breitblättrige Stendelwurz
ist eine in der Bundesrepublik geschützte Art. In Sachsen werden
die Bestände als "gefährdet" eingestuft und auch
in der norddeutschen Tiefebene und in Schleswig-Holstein verzeichnet
man Rückgänge in den Beständen. In den waldreichen
Mittelgebirgen und im Süden Deutschlands dagegen sind die
Bestände stabil und nicht gefährdet. Auch wenn örtliche
Vorkommen durch Nutzungsänderungen oder Bebauung bedroht werden,
ist keine akute Gefährdung erkennbar, weil in Anbetracht ihrer
Toleranz in den Bodenansprüchen mit den ausgedehnten
Waldgebieten ein großes potentielles Siedlungsareal zur
Verfügung steht. Weil die Breitblättrige Stendelwurz auch
in sonst orchideenarmen Gebieten vorkommt, die weniger häufig
aufgesucht werden, ist von Lücken in der Bestandserfassung
auszugehen. Vielleicht hilft die Wahl zur Orchidee des Jahres 2006
dazu, auch in den weniger orchideenreichen Gebieten im Nordwesten der
Bundesrepublik und Teilen Mitteldeutschlands das Augenmerk auf diese
schöne und mancherorts schon seltene Pflanze zu richten.
Text: Ortwin HEINRICH, AHO Hessen